Mobilität Thema beim ersten Bramscher Zukunftsforum

Radikale Veränderungen

Bramsche. Die rasante Entwicklung in der Autoindustrie stand jetzt im Mittelpunkt des ersten Zukunftsforums zur „Mobilität der Zukunft" der Stadt Bramsche in Kooperation mit der Volksbank Bramgau-Wittlage.

Expertenrunde zur Mobilität: Frank Rauschenbach (von links), Jörg Renzenbrink, Stefan Bratzel, Heiner Pahlmann und Thomas Schniedermann. Foto: Peter Selter

„Noch nie ist in der Automobilbranche so viel in Bewegung gewesen wie heute“ betonte Stefan Bratzel, Hochschuldozent und Direktor des Forschungsinstituts „Center of Automotive Management“ in Bergisch Gladbach. Die Veränderung in der Welt der Mobilität steht uns allen nicht erst noch bevor, wir seien bereits mittendrin, so der Verkehrsexperte vor den rund 100 Gästen des Abends im Bramscher Rathaus. 

Die Premiere des Zukunftsforums im neuen Format sei eine themenübergreifende spannende und wichtige Austauschplattform für Vertreter aus dem Handel, Handwerk, der Industrie, Landwirtschaft und der Politik, so Bramsches Bürgermeister Heiner Pahlmann. Nach dem Impulsvortrag durch den Experten würde sich eine Diskussionsrunde anschließen. Moderiert wurde die Veranstaltung, die das bisherige Format des "Wirtschaftsforums" ablöst, durch Marcus Alwes, Redakteur der Bramscher Nachrichten.

Die Autoindustrie habe 100 Jahre lang unter eigenen Spielregeln existiert, das habe sich jetzt radikal geändert. Dabei lösten sich die Paradigmen, seinen Status über ein Auto auszudrücken und die Freude am Fahren zu genießen, nahezu vollständig auf, so Bratzel. Am Beispiel des Autoherstellers Tesla, der 2004 als Start-up-Unternehmen gestartet sei, würden die Dimensionen der Entwicklung deutlich. Aktuell habe das amerikanische Unternehmen einen Wert 45 Milliarden Euro, im Vergleich komme der deutsche Automobilhersteller BMW auf 44 Milliarden Euro. 

Heute seien die Mobilitätsdienstleister, die Fahrdienstvermittlungen, Car-Sharing, Intermodale Datendienste und Parkplatzdienste unter der Überschrift „Connectivity“ anbieten und an der Vernetzung der Mobilität und dem autonomen Fahren arbeiten, so viel wert wie die 20 größten Automarken zusammen.

„Vier Jahre und ein Monat verbringt durchschnittlich jeder Mensch in seinem Leben im Auto“, so der Hochschulprofessor. Wenn künftig die „Fahraufgabe“ durch autonomes Fahren entfalle, könnte die Zeit im Auto komplett anders genutzt werden. Auch werde sich dann „monomodales“ Fahren mit nur einem Verkehrsmittel zunehmend mehr zu einem „multimodalen“ Fahren entwickeln, wo auf einer Strecke die Beförderungsmittel durchaus gewechselt würden. Während beispielsweise in China jedes zweite zugelassene Fahrzeug einen Elektroantrieb habe, sei der Anteil in Deutschland mit 27000 verkauften Fahrzeugen im vergangenen Jahr eher noch auf einem "homöopathischen Level". Dabei seien vor allem die Reichweite und die Infrastruktur der Ladestationen von kritischer Bedeutung.

Die Batteriezelle bestimme zu 40 Prozent den Preis eines Fahrzeuges. Zudem seien die Rohstoffe für Batterien mit den Stoffen Kobalt und Lithium insofern schwierig, als dass sie mit dem Kongo und Bolivien aus Gegenden stammen, die die Rohstoffe wiederum unter übelsten Umweltbedingungen gewinnen würden.

Durch die Facetten der „Connected-Car-Technik“, also dem vernetzten Fahren, werde die digitale Software für Hersteller immer wichtiger, diese sei aber nicht deren Kernkompetenz. Da sitze das Problem, so Stefan Bratzel. Mit der riesigen Menge von Daten, die während des Autofahrens bei neuester Technik zur Verfügung stehen, ergäben sich viele neue Geschäftsfelder. So könnten künftig beispielsweise Versicherungstarife dem Fahrverhalten angepasst werden. 

Es schlage die Stunde der Mobilitätsdienstleister. Allein die Plattform „Didi Chuxing“ aus China vermittle 30 Millionen Fahrten pro Tag. Dazu werde mit Hochdruck am autonomen Fahren von „Highway Piloten“ bis zum vollautomatischen Fahren ohne Pedale und Lenkrad gearbeitet. In den Wertschöpfungsebenen sei das Feld der Mobility-Provider mit ihren digitalen Mobilitätsplattformen ein hochinteressantes Geschäftsfeld. "Wir haben uns zu lange ausgeruht im Feld der Digitalisierung", so Stefan Bratzel.

Diskussionsrunde

Jörg Renzenbrink, Inhaber der gleichnamigen Autohäuser in Bramsche und Enter, bestätigte in der anschließenden Diskussionsrunde, dass sich derzeit sehr viel für sie in den Feldern des Mobilität tue, die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen in der Region aber noch verhalten sei. Die Volksbank Bramgau-Witlage habe bereits seit längerer Zeit ein Elektroauto, das für die Mitarbeiter bereit stehe. Das Auto fahre sich wirklich einfach, so Bankvorstand Frank Rauschenbach.

Derzeit seien sie noch „zwischen den Welten“ unterwegs, aber als Planungsgesellschaft für den Nahverkehr in Osnabrück (Planos) seien sie zusammen mit den Stadtwerken bereits seit längerem in eine eigene Produktentwicklung eingestiegen, betonte Thomas Schniedermann, der Leiter des Fahrplanwesens bei der Planos. Dabei sei immer zu Bedenken, dass der Verkehr der Zukunft ein Mengenproblem habe und die Busse dabei einfach leistungsfähiger seien.

Die Teilnehmer des Zukunftsforums hatten zahlreiche Fragen an die Expertenrunde rund um die Themen Ladestationen, dem Recycling von Batterien oder dem Verkehrswegebau. Der Straßenbau habe Grenzen, betonte Stefan Bratzel, daher forderte er ein Regulierungssystem, dass den Verkehr ordnen müsse, sonst drohe Chaos. Das müsse sich allerdings noch entwickeln, so dass leider davon ausgegangen werden müsse, dass alle Verkehrsteilnehmer auch in den nächsten 10 bis 15 Jahren weiterhin regelmäßig im Stau stehen werden.

Bürgermeister Heiner Pahlmann wies darauf hin, dass die Stadt Bramsche mit Hochdruck daran arbeite, den Verkehrsentwicklungsplan zu aktualisieren. Auch dadurch solle ein neues Bewusstsein für Mobilität geschaffen werden. Dabei sei es übrigens kein Widerspruch, dass ganz Bramsche zugleich ein Wirtschafts- und Wohnstandort sei. Pahlmann: „Bramsche ist keine Pendlerstadt und soll es auch überhaupt nicht werden“.

Quelle

Text und Bild

Peter Selter / Bramscher Nachrichten